Von Pflanzenleder bis zu biologisch abbaubaren Lampen verwandelt Myzel das Interior Design grundlegend. Dieses Pilzwurzelnetzwerk ermöglicht es nun, Möbel und Beschichtungen anzubauen, die sich innerhalb weniger Wochen kompostieren lassen.
Die Designindustrie erlebt eine stille, aber spektakuläre Mutation. In Kreativstudios auf der ganzen Welt wird nicht mehr hergestellt, sondern gezüchtet. Myzel, dieser filamentöse Teil von Pilzen, der lange Zeit übersehen wurde, etabliert sich als Leitmaterial für Biowerkstoffe in einer Dekoration, die endlich mit der Umwelt in Einklang steht.
In weniger als zwei Wochen kann dieses Pflanzennetzwerk landwirtschaftliche Abfälle besiedeln, um feste, leichte und vollständig kompostierbare Objekte zu schaffen. Wo Kunststoff Jahrhunderte zum Abbau benötigt, gibt Myzel innerhalb weniger Monate zur Erde zurück.
Pioniere mit ehrgeizigen Zielen
Die Revolution begann 2007 mit Ecovative Design, einem US-amerikanischen Unternehmen, das heute weltweit führend in diesem Bereich ist. Ihre MycoComposite-Platten statten jetzt Büros und Restaurants aus und bieten akustische Dämmung und organische Ästhetik. Noch spektakulärer ist der Turm Hy-Fi, der 2014 im MoMA PS1 in New York errichtet wurde, die erste größere architektonische Struktur, die aus über 10.000 Myzel-Ziegeln besteht.
Doch im Luxusbereich trifft der Pilz am stärksten ins Schwarze. MycoWorks, mit Sitz in Kalifornien, hat Hermès mit seinem Reishi-Leder von verwirrender Qualität überzeugt. Die Tasche Victoria, die 2021 vorgestellt wurde, markierte den fulminanten Einstieg von Myzel in die High-End-Lederwaren.
"Wir stellen keine Materialien her, wir züchten sie. Das ist eine Revolution in unserem Verhältnis zur Produktion."
Vom Labor zum Wohnzimmer: Konkrete Anwendungen
Designer erkunden nun alle Möglichkeiten von Myzel. Jonas Edvard kreiert transluzente Leuchten, Studio Klarenbeek & Dros druckt 3D-Stühle, bei denen die Sporen weiterwachsen, während der Italiener Mogu strukturierte und natürlich antibakterielle Bodenbeläge anbietet.
Die technischen Vorteile überzeugen über das ökologische Argument hinaus: natürliche Feuerbeständigkeit, außergewöhnliche Wärmedämmung, Formgebung in jede beliebige Form ohne Zuschnitt. Myzel bietet auch akustische Eigenschaften, die für Open Spaces und öffentliche Räume gefragt sind.
Im Bereich der Textilien für Polstermöbel häufen sich die Kooperationen. Bolt Threads hat Mylo™ entwickelt, ein Pilzleder, das von Stella McCartney und Adidas für Kissenbezüge, Sitzbezüge und Dekorationsaccessoires übernommen wurde. Die Textur ist konkurrenzfähig zum Tierleder, ohne Zucht oder chemische Gerbung.
Die Herausforderungen einer aufstrebenden Industrie
Trotz des Enthusiasmus bremsen noch Hindernisse die Demokratisierung. Die Produktionskosten liegen immer noch etwa dreimal so hoch wie bei konventionellen Alternativen, obwohl sich dieser Trend schnell umkehrt. Auch die Standardisierung wirft Fragen auf: jede Kultur weist natürliche Variationen auf, die die Serienproduktion erschweren.
Die Empfindlichkeit gegenüber Feuchtigkeit erfordert zudem Schutzmaßnahmen, und die Vorschriften haben Mühe, mit dem Tempo der Innovationen Schritt zu halten. Dennoch fließen die Investitionen. Der Markt für Biowerkstoffe wird voraussichtlich bis 2030 30 Milliarden Dollar übersteigen, getragen von einem jährlichen Wachstum von fast 20 % für den Myzel-Sektor.
Von der Dutch Design Week bis zur Salone del Mobile in Mailand nehmen Myzel-Installationen an den großen Design-Veranstaltungen zu. Einige Marken bieten sogar Bausätze an, mit denen man seine eigenen dekorativen Objekte zu Hause kultivieren kann, und skizzieren eine Zukunft, in der jeder zum Produzenten wird.
Kurz gesagt
Myzel revolutioniert das Innendesign, indem es eine zu 100 % biologisch abbaubare Alternative zu umweltschädlichen Materialien bietet. Unternehmen wie Ecovative, MycoWorks und Mogu schaffen Möbel, Verkleidungen und Pflanzenleder, die in zwei Wochen wachsen und in wenigen Monaten kompostiert werden können. Trotz noch hoher Kosten verzeichnet der Sektor ein spektakuläres Wachstum und erobert vom Luxus bis zur Architektur. Ein Paradigmenwechsel, bei dem wir unsere Innenräume nicht mehr herstellen, sondern kultivieren.
Quellen: Ecovative Design, MycoWorks, MoMA PS1 - The Living






